
Source: Berliner Zeitung Online
www.berlinonline.de
Datum: 15.05.2001
Ressort: Vermischtes
Autor: Karim El-Gawhary
"Den Islam falsch interpretiert"
Ägypten diskutiert über eine Schwulenparty
KAIRO, 14. Mai. Eine Bootsfahrt auf einem Restaurantschiff über die ruhigen Nilgewässer rund um Kairo gehört zu den vornehmen Vergnügungen der Kairoer Oberschicht; es ist die beste Möglichkeit aus den Fängen der Großstadt zu entfliehen. Eine Gruppe von Jugendlichen hatte das mit der Flucht nicht so sehr auf die Großstadt, sondern auf die überkommene Moral der ägyptischen Gesellschaft bezogen: Weil sie auf einem Schiff angeblich regelmäßig homosexuellen Gruppensex hatten, wurden jetzt 55 ägyptische Jugendliche festgenommen. Seit dem Wochenende sitzen sie erst einmal für zwei Wochen in Untersuchungshaft. Ihnen wird vorgeworfen, sittenwidrig gehandelt und die islamische Religion verspottet zu haben.
Öffentliche Debatte
Für die ägyptische Presse hat die Geschichte alle Zutaten, um Leser zu locken: Sex, Religionslosigkeit und das alles noch dazu von den Kindern reicher Eltern. Denn die Festgenommenen stammen alle aus der Kairoer Oberschicht. Und so erfreuen sich "anonyme Quellen aus der Kairoer Sittenpolizei" und deren schillernde Beschreibungen derzeit größter Beliebtheit unter ägyptischen Journalisten.
Laut Angaben der Polizei wurden die Jugendlichen bereits seit zwei Monaten beobachtet. Man habe die Festgenommenen erwischt, als sie eine Hochzeitsparty zwischen zwei Männern zelebriert hätten. Die Gruppe, die sich "Beauftragte Gottes auf Erden" nennen soll, hat angeblich eine eigene Internet-Website, wo sie - so heißt es - Homosexualität fördere, über alle Religionen spotte und den Islam falsch interpretiere. Sie soll sich einmal wöchentlich auf dem Nilschiff getroffen haben, und anschließend Sexpartys in mehreren Wohnungen in Kairo gemacht haben. Vorehelicher Sex ist tabu in Ägypten, Homosexualität ist offiziell verboten.
Vorschnelle Urteile
Nun können die Verhafteten nur auf die guten Beziehungen ihrer Eltern hoffen. Denn in der Öffentlichkeit wird schon vorschnell geurteilt: Ein Professor für Islamisches Recht der Kairoer Azhar Universität sagte zum Beispiel, "die Jugendlichen haben gegen jegliche religiöse Moral verstoßen, jetzt werden sie von der Gesellschaft verstoßen".
Bereits vor vier Jahren erlebte Ägypten einen ähnlichen Skandal. Damals wurden 78 Jugendliche festgenommen, weil sie angeblich auf Partys mit Heavy-Metal-Musik Sexorgien gefeiert und den Teufel angebetet haben sollen. Die Festgenommenen waren damals mit einer Geldstrafe davongekommen - dank der guten Kontakte ihrer Eltern.
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