
Frankfurter Rundschau vom 08. Oktober 2001
Verhaftung nach dem Rendezvous
In Ägypten wird Jagd auf Homosexuelle gemacht - wegen Verunglimpfung des
Islam
Von Andrea Nüsse (Kairo)
Tarik liebt seine Heimatstadt Kairo und will dennoch nur weg. Der
schmächtige dunkelhaarige Mann zeigt seinen Pass, darin prangt eine
Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Die Begründung hat die Ausländerbehörde
auf seine
dringende Bitte nachträglich geändert. Der homosexuelle Arzt hat in Frankfurt am
Main
seinen langjährigen Freund geheiratet und erhielt im Rahmen des neuen
Gesetzes über die gleichgeschlechtliche Partnerschaft eine Aufenthaltserlaubnis.
Das stand zwar alles auf Deutsch im Pass, aber Tarik hatte Angst: "Wenn die
ägyptischen Behörden das entziffern, lande ich statt im Flugzeug nach Frankfurt
in Kairo im Knast."
In Ägypten nämlich wird Jagd auf Homosexuelle gemacht. Seit dem 11. Mai
sitzen 52 Männer in Haft und müssen sich vor dem Sicherheitsgerichtshof
verantworten, der für Prozesse gegen islamistische Terroristen etabliert worden
war.
Die Männer waren in der Diskothek "Queen-Boat" in Kairo festgenommen worden,
die als Treffpunkt Homosexueller bekannt war. Da Homosexualität in Ägypten
zwar ein gesellschaftliches Tabu, jedoch nicht verboten ist, lautet die Anklage
auf Ausschweifung und Perversion; den zwei Hauptangeklagten wird Bildung
einer Sekte und Verunglimpfung des Islam vorgeworfen. Darauf stehen bis zu fünf
Jahre Gefängnis.
"Wir haben alle Angst", erzählt Tarik im Café "La Chesa" in Kairo, "viele
meiner Bekannten sitzen auf gepackten Koffern." Wenn Tarik seinen Freund
Hussein anruft, der wohl einer der wenigen "schwulen Aktivisten" in Ägypten ist,
lautete die erste Frage immer: "Bist du noch nicht verhaftet?" Hussein, ganz in
Schwarz gekleidet mit T-Shirt, Jeans und Baseball-Mütze, ist Theatermacher
und kämpft seit Jahren dafür, dass die Homosexuellen in Ägypten sich nicht
mehr verstecken, sondern zu ihrer Andersartigkeit stehen. Wie schwer das in
einer islamischen Gesellschaft ist, in der die individuelle Freiheit gegenüber
dem Kollektiv zurücksteht, erlebt Hussein am eigenen Leib. So versteckt er
seinen Pferdeschwanz auf der Straße unter der Baseballmütze, damit ihn nicht
wildfremde Menschen anpöbeln. "Ein echter Mann trägt kurz geschorenes Haar, am
besten auch Schnauzbart", erklärt Hussein. Ein von ihm inszeniertes
Theaterstück, in dem es um die Unterdrückung der Frauen und um Homosexualität
geht,
wurde verboten. Als er sich gegenüber seiner Familie "outete", gab es
verschiedene Reaktionen. "Meine Tante glaubt, dass das vorbeigeht, und stellt
mir immer
neue Frauen vor, die einen Mann zum Heiraten suchen", erzählt Hussein
amüsiert. Sein tief religiöser Bruder glaubt, dass er "krank" ist, und spricht
seither nicht mehr mit ihm.
Obwohl weniger kämpferisch veranlagt, hat auch Tarik eine lange
Leidensgeschichte hinter sich. Als sein Vater, ein Lehrer, erfuhr, dass sein
einziger
Sohn sich für Männer interessiert, schickte er ihn zum Psychologen. Lakonisch
erzählt Tarik, wie er dort geheilt werden sollte. Zunächst erregte der
Psychologe den jungen Mann sexuell - Tarik ist übrigens überzeugt davon, dass
der
Therapeut ebenfalls schwul ist -, dann verpasste er ihm Elektroschocks an
verschiedenen Körperstellen. "Konditionierter Reflex", erkannte der angehende
Arzt
schnell. Wie beim pawlowschen Hund. Nur umgedreht. Die Methode versagte.
Danach bekam er eine Hormonbehandlung; der junge Mann verlor Haare und bekam
Akne. "Ich bin Arzt", warf Tarik damals ein, "vielleicht sollten Sie erst mal
meinen Hormonspiegel untersuchen, der ist ganz normal." Danach besann sich der
Psychologe auf sein Metier und fragte den Patienten, was ihn an Männern so
anziehe. Als Tarik spontan "die Muskeln" antwortete, wurde er täglich ins
Fitnessstudio geschickt, um sich selbst anzueignen, wonach er sich sehnte. "Die
Männer fanden mich nur noch attraktiver", Tarik kichert. Zum Schluss riet der
Psychologe ihm, mit einer Frau zu schlafen. "Nicht mit einer Prostituierten,
ich sollte mir ein einfühlsames Mädchen suchen, damit es ein schönes Erlebnis
wird." Das ist in Ägypten, wo Sex vor der Ehe verboten ist und alle bis zur
Heirat bei den Eltern wohnen, gar nicht so einfach. Schließlich fand er eine
Kommilitonin, die zur Tat bereit war, doch es klappte nicht. Tarik war nicht
erregt und beichtete dem Mädchen schließlich alles. Daraufhin schlug er seinem
Vater vor, die teure Behandlung zu beenden.
Trotz dieser Tortur hat Tarik Verständnis für das Verhalten seines
inzwischen verstorbenen Vaters: "Er wollte verhindern, dass ich mir meine
Zukunft
verbaue." Ob der heute 35-Jährige es gewagt hätte, seinen schwulen Freund in
Frankfurt zu heiraten, wenn sein Vater noch am Leben gewesen wäre, lässt er
offen.
Dass es Homosexualität gibt in Ägypten, wissen alle. Doch alle schwiegen.
Auch die Homosexuellen selbst. Das begann sich im vergangenen Jahr zu ändern,
als ägyptische Männer sich zu ihrer geschlechtlichen Neigung bekannten. Viele
suchten Bekanntschaften über das Internet. "Das machte den Behörden Angst",
glaubt der 32-jährige Hussein - "vor allem die Tatsache, dass die Regierung
das Internet nicht kontrollieren kann." So begann im Herbst 2000 eine
Verhaftungswelle von Homosexuellen, die sich per Internet verabreden wollten.
Kamen
sie zum Rendezvous, präsentierte sich der Chat-Partner als ein Polizist, der
gleich die Handschellen anlegte.
Auch Hussein richtete damals eine Mailing-Liste mit Informationen für
Homosexuelle ein, die schließlich 400 Abonnenten hatte. Nach den Verhaftungen
auf
dem "Queen-Boat" schrumpfte die Zahl auf neun, darunter drei Ausländer und
vier Ägypter, die im Ausland wohnen. Als er seine Abonnenten zu Protesten gegen
die Verhaftung der 52 Männer aufrief und Menschenrechte einforderte, bekam er
E-Mails der Entrüstung. "Bist du verrückt?" hieß es da, "willst du das
Ansehen unseres Landes ruinieren?" Andere bezeichneten ihr bisheriges Verhalten
als "Schande" und wollten auf den rechten Pfad des Islam zurückkehren. Hussein
ist enttäuscht, dass die meisten Homosexuellen nicht daran denken, ihre
Rechte zu verteidigen - auch aus Angst davor, dies könnte dem internationalen
Ruf
Ägyptens schaden. "Sie haben die Propaganda des Regimes verinnerlicht",
bedauert Hussein.
Auch die 52 Männer, die vor Gericht stehen, wollen nicht zur Vorkämpfern
individueller Freiheiten in Ägypten werden. Sie bestreiten alle, homosexuell
veranlagt zu sein, und berufen sich zum Beweis auf den Islam. Zeugen der
Verteidigung bestätigen, was für ein frommer Muslim der Nachbar war, wie oft er
die
Pilgerfahrt nach Mekka antrat. Am meisten Kopfzerbrechen bereitet dem jungen
Anwalt Taher Abu Nasr vom Hisham-Mubarak-Law-Center, der einige Angeklagte
vor Gericht vertritt, daher die internationale Kampagne, die sich für die
Rechte von Homosexuellen in Ägypten einsetzt. So haben Mitglieder des
US-Kongresses ebenso wie deutsche Bundestagsabgeordnete Petitionen an Präsident
Hosni
Mubarak geschrieben, Homosexuellen- und Lesbenverbände in aller Welt
organisieren Demonstrationen, Protestfaxe gehen bei den ägyptischen Botschaften
ein.
"Meine Mandanten versichern bei jeder Gerichtssitzung, dass sie mit diesen
Organisationen nicht zu tun haben", erklärt Tahir Abu Nasr. Die Frage, ob die
Kampagne den Angeklagten eher schade, beantwortet er mit einem klaren "Ja". Das
sieht Aktivist Hussein etwas anders: Wenigstens zeige sie der Regierung, dass
der Fall beobachtet werde, und so werde man sich das Urteil zumindest zweimal
überlegen, hofft er.
Bisher deutet jedoch wenig auf Milde hin. So wurde ein minderjähriger
Angeklagter von einem Jugendgericht bereits zu drei Jahren Haft verurteilt. Und
die
ägyptische Presse berichtet in diffamierender und sensationslüsterner Weise
über den Fall, ohne dass die Behörden eingreifen. So wurden die Namen der
Angeklagten, ihr Alter und ihre Berufe in der Regierungszeitung Al-Gumhuriyya
dreimal veröffentlicht. In der ebenfalls regierungstreuen Zeitschrift
Al-Mussawar wurden Artikel mit Bildern von zwei Männern im Bett garniert, die
von
einer Website Homosexueller in Lateinamerika heruntergeladen worden waren; ein
anderer Artikel wurde mit Totenköpfen illustriert, die eine blonde Perücke
tragen. Ärzte lassen sich darüber aus, dass Homosexuellen der Anus-Muskel
durchgetrennt werden könnte, um Geschlechtsverkehr zu verhindern; islamische
Geistliche streiten darüber, auf welche Weise Homosexuelle hingerichtet werden
müssten. Einer der Hauptangeklagten ist auf einem Foto mit einer israelischen
Fahne abgebildet und einem Helm, auf dem der Davidstern prangt. "Das kann nur
eine Fotomontage sein", ist sich Hussein sicher, dessen Artikelsammlung einem
Gruselkabinett gleicht. Doch sie tun ihre Wirkung. "Das Urteil ist bereits
gesprochen", fürchtet Anwalt Tahir Abu Nasr, "egal wie das Gericht letztlich
entscheidet." So frage sich der ebenfalls inhaftierte Dekan der medizinischen
Fakultät in Kairo, ob er jemals wieder vor seine Studenten treten könne. Hussein
ist sich sicher, dass die meisten nicht nur ihre Jobs verlieren werden. "Das
Leben wird für sie zur Hölle werden."
Am meisten regt sich Hussein über die Scheinheiligkeit auf. Alle wüssten,
dass es Homosexualität gebe; die geschlechtlichen Neigungen von Kulturminister
Farouk Hosni sind allseits bekannt. Ebenso wüssten alle, dass viele
heterosexuelle Ägypter und Ägypterinnen Sex vor der Ehe hätten. "Wir haben da
hervorragende Ärzte, die das alles wieder zunähen", sagt er. Solange alle
schweigen,
sei die Welt in Ordnung. Doch sobald eine gesellschaftliche Debatte darüber
beginnen soll, entrüste sich die öffentliche Moral, wobei Regierung und
Islamisten an einem Strang zögen. Eigentlich bleibe den Angeklagten nur die
Flucht
ins Ausland. "Aber viele haben keine Kontakte im Westen, sprechen keine
fremden Sprachen", sagt Hussein, den seine Freunde schon lange zur Ausreise
drängen, weil er sich zu offen für die Rechte von Homosexuellen engagiere. "Soll
ich mich vielleicht als illegaler Einwanderer in Europa herumschlagen?" fragt
der Aktivist, der sich eigentlich nicht mehr verstecken wollte.
Der junge Theatermacher will zunächst den Ausgang des Prozesses abwarten.
Der nächste Gerichtstermin ist am 10. Oktober. Seine Freunde haben für Hussein
einen Flug nach London reserviert. Für den 15. Oktober.
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